Er nimmt alle Kraft zusammen. Er darf nicht nachgeben.
Er muss es schaffen.
Sie liegt neben ihm, ihre Augen sind geschlossen, ihre Lippen leicht geöffnet.
Ihr Atem geht schwer, unbewusst und kaum spürbar drängt ihr Körper gegen seinen.
Er kann sich nur mit Mühe zurückhalten. Mit aller Kraft presst er seine Fingernägel in die Handfläche. Es tut weh, sehr weh – doch es zwingt ihn, den Verstand zu bewahren. Es hält ihn von seinem Verlangen ab. Von der drängender werdenden Begierde, sie zu küssen, sie ganz fest zu umfassen und schließlich sich und die rationale Welt um ihn herum zu vergessen.
*
Sie sitzt im Cafe, die Beine entspannt übereinander geschlagen. In der Tasse vor ihr ist noch ein Rest Cappuccino, längst kalt. Sie hat die Augen geschlossen und hält das Gesicht in die ersten Sonnenstrahlen des Jahres. Wie sehr sie es genießt, nach diesen langen Wintermonaten.
Ihre Freundin ist bereits eine halbe Stunde zu spät, doch seltsamerweise stört sie das heute gar nicht. Es ist ein Sonntag, ausnahmsweise ein völlig leerer Tag im ansonsten so vollen Terminkalender. Sie erfreut sich einfach an der Situation, völlig ohne Hast, ohne Telefonklingeln oder das sonst fast immer allgegenwärtigen Summen der Neonröhren.
*
Er spürt, wie seine Lippe dem Nagen seiner Zähne nicht mehr lange standhalten wird. Zu hart der Druck, zu weich das zarte, verletzliche Fleisch. Kaum kann er noch die fest geballten Fäuste lösen, so krampfhaft die starre Haltung, so tief die Nägel im Handballen.
Er zwingt sich, die Lider zu schließen, den Blick von ihrem Gesicht abzuwenden – so makellos in seinen Augen. Er löst die verkrampften Kiefer, um sich das Atmen durch den Mund zu ermöglichen; ihr Geruch ist zu betörend.
Ein metallischer Geschmack von Blut in seinem Mund.
*
„Darf ich?“ – sie schreckt auf, die Tagträume verfliegen. Sie blinzelt in das grelle Licht. Einen Moment lang muss sie sich sammeln und sieht dann den jungen Mann an ihrem Tisch stehen. Sicher zehn Jahre jünger als sie, nicht schön, aber auf eine verstörende, nicht greifbare Weise attraktiv und unfassbar anziehend.
„Bitte?“, sie ist verwirrt.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen? Es ist alles besetzt und zudem sitzen sie am schönsten Sonnentisch“.
„Ähm…“. Sie weiß nicht recht, was sie sagen soll. Gerne würde sie weiter in Ruhe hier sitzen, die Sonne genießen und ihren Gedanken nachhängen. Doch irgendwie kann sie sich seinen Augen nicht entziehen.
„Okay“, sagt sie dann schließlich, als die Stille beginnt, unangenehm zu werden.
Er setzt sich, schweigend. Schaut sie nur an. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als zurückzuschauen. Was soll ihre Freundin nur denken, wenn sie in diesem Augenblick dazu kommen sollte? Aber diese Augen… Was haben sie nur für eine Farbe? Sie sind völlig unergründlich und erschreckend betörend.
Sie kennt sich selbst nicht mehr. Erfolgreiche Geschäftsfrau, seit Jahren glücklich geschieden, kalt und rational sowohl beruflich wie privat. Sie hat sich im Griff – immer.
Doch ihre Gedanken schweifen ab, sind nicht mehr fassbar. Sie ist nicht mehr sie selbst.
*
Er schafft es.
Er hat sich unter Kontrolle. Sie liegt neben ihm, verstömt ihren Duft, bietet sich ihm an. Er widersteht.
Er schafft es.
Sie seufzt leise auf. Ihr Fuß berührt ganz leicht seinen Schenkel. Seine Nägel pressen sich noch fester in seine Handflächen.
Er schafft es.
Sie räkelt sich ganz leicht. Ihr Verlangen ist deutlich spürbar. Ihr Haar streicht sein Gesicht. Dieser Duft… Er hält den Atem an.
Er schafft es.
Sie hebt eine Hand, berührt seine Wange. Er öffnet die Augen, blickt in das tiefe Blau der ihren.
*
Dunkle Häuserfluchten. Gehetzter Gang. Seine Schritte hallen auf dem Pflaster. Sein Atem geht stoßweise. Gehetzt blickt er sich um, orientierungslos.
Allmählich geht die Sonne auf, Dunst streift durch die Straßen.
Endlich weiß er, wo er ist. Seine Beine haben ihn unbewusst an den Ort geführt, der ihn wie magisch anzog.
Die schwere hölzerne Tür ist nicht verschlossen. Stolpernd findet er seinen Weg durch die Bankreihen, bis er sein Ziel erreicht hat.
Kraftlos fällt er auf die Knie.
„Ich habe es nicht geschafft…“





Hallo du Liebe!
Also… ich hab die Geschichte gelesen – sie ist eingängig geschrieben und man wird von dem Text hinein gezogen und man muss ihn unbedingt zu Ende lesen wenn man angefangen hat.
Der Zusammenhang erschließt sich nicht auf den ersten Blick, bzw. lässt Spielraum für eigene Ideen.
Der Schluss kommt ist überraschend und ich musste erstmal empört die letzten Zeilen anstarren, aber eben auch dann hat man die Möglichkeit seine eigenen Ideen weiter zu spinnen.
Ich bin keine Literaturkritikerin und mit Kurzgeschichten kenne ich mich ehrlich gesagt auch gar nicht sonderlich aus. Aber mein Fazit: Mir hat dein “erstes mal” gefallen
Liebe Grüße,
Steffi
vielen dank, steffi.
genau das wollte ich erreichen – nicht zu glatt und einfach, sondern schon, dass man hin und her springt, überlegen muss und stutzig wird.
danke für den kommentar und danke fürs wohlwollende lesen.
Hach <3
[...] This post was mentioned on Twitter by eulenei, yes – it's me!. yes – it's me! said: darf ich sie nochmals darauf aufmerksam machen: meine erste kurzgeschichte… #blog http://bit.ly/ddbyyF [...]
Spannend geschrieben, wie schon gesagt wurde: Man muss unbedingt zu Ende lesen und dann springt man noch mal hin und her und überdenkt alles. Fein gemacht, nächste Geschichte schreiben!
vielen dank